Mord auf Französisch

 "Eine halbe Stunde später saß er vor der Kirche auf einer Bank und ließ das abendliche Treiben an sich vorbeifluten. Gott sei Dank war Bertin abwesend und störte ihn nicht in seinen aufgewühlten Betrachtungen. Sein Puls hatte sich noch nicht völlig beruhigt, doch der Anblick der hellen Berghänge, die hinter dem Uhrenturm auftauchten, tat ihm gut. Mauersegler flitzen durch die Luft.

Was hatte der Mann von ihm gewollt? Sein Geld? Pascals portable? Was wollte ein Täter, der in einem schnellen Auto floh, mit ein paar Euros? Ein dunkles Hemd, eine Jeans, ein schlanker Körper – mehr hatte er nicht erkennen können. Das konnte jedermann sein. Er hätte jetzt lieber heimgehen sollen, doch die Passanten, die in Scharen an ihm vorbeizogen, beruhigten ihn. Mit dem Gelächter, den Wortfetzen und der Kirchenwand im Rücken fühlte er sich sicher. Das Klirren von Gläsern übertönte die kurze Stille, der Verkehr hatte nachgelassen. Die goldenen Abendstunden waren die Schönsten überhaupt, sie brachten Ruhe und Klarheit in seinen Kopf und beendeten endlich das Zittern seiner Hände. Wenn der Angreifer nur sein Geld im Sinn hatte, brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Wenn es um das Telefon ging, war er nun im Vorteil: Er hatte es heldenhaft verteidigt, tröstete er sich.

Er zog das Gerät aus seiner Hosentasche. Ein sicherlich sehr kostspieliges Smartphone. Gedankenverloren spielte er damit herum, versuchte, zwischen all den Apps die Ordner zu finden, die jetzt wichtig waren: geführte und erhaltene Telefonate oder SMS. Plötzlich sprang er von der Bank auf: die Akku-Anzeige drohte mit nur einem hauchdünnen Strich. Er hatte kein Ladegerät. Er wusste auch die PIN nicht. Sollte er das Ladegerät in Pascals Wohnung suchen? Das dauerte alles viel zu lange. Die Spurensicherung würde bald in Pascals Wohnung auflaufen. Eilig schritt er durch die Straßen, betrat ein Elektrofachgeschäft und äußerte seinen dringenden Wunsch. Der Verkäufer schüttelte bedauernd den Kopf und stapelte die neuste Generation von Trockenrasierern auf der Theke.

»Das letzte haben wir soeben verkauft. Ich hab’s neu bestellt. Und wir schließen jetzt.«

»Merde!«, rief Claude selbstvergessen und starrte auf das Gerät. Hatte das Display bereits Aussetzer oder kam ihm das im Halbdunkel des staubigen Ladens nur so vor?

»An wen?« fragte er hastig.

»Hm?«

»An wen haben Sie das Ladegerät vorhin verkauft?«

»An die Dame dort draußen.« Er wies auf seine Kundin, die ein helles Sommerkleid trug. Auch das noch, dachte Claude. Ohne ein Wort des Dankes ließ er den Mann stehen und eilte hinaus. Es half nichts, er musste an sie heran. Die Frau war in ein Gespräch mit einer Keramik-Kunsthandwerkerin vertieft, die ihre Kerzenleuchter, Eierbecher, Obstschalen und Vasen von ihrem Stand abräumte und in Kisten verstaute.

»Pardon, Madame«, unterbrach Claude rüde ihre Unterhaltung und tippte ihr auf die Schulter. »Ich habe ein Problem.«

Die Frau drehte sich um. »Das ist offensichtlich«, gab sie amüsiert zurück. Ihre Stimme war angenehm klar. Die Sonnenbrille, die auf ihrem kurzen Haar steckte, funkelte ebenso wie ihre braunen Augen, die von einer Reihe ordentlich getuschter Wimpern bekränzt waren. Sie wirkte jugendlich, mochte aber schon um die Dreißig sein..

 

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