Leseprobe "Des Teufels Schreiber" 

 

"Die Rache ist mein; ich will vergelten. Zu seiner Zeit soll ihr Fuß gleiten; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und ihr Künftiges eilet herzu. 5 Mose32:35

 

 

                         Kap. 1

An diesem Abend rieselte unerwartet Schnee vom Himmel herab und milderte die Dunkelheit durch ein sanftes Leuchten. Einige Mönche, die auf dem Rückweg in ihre Zellen waren, hoben erstaunt ihre Köpfe, als sie die Flocken auf ihren Tonsuren spürten. Es schneite nicht oft an der Loire, denn die warmen Winde des Atlantiks schützten die Herzogtümer Bretagne und Anjou vor einem allzu frostigen Winter. Im Kreuzgang des Klosters St. Quentin les Anges nahe der Stadt Segre schoben die Windböen den weißen Schleier um die Säulen herum, sodass es den Anschein hatte, die in den Tuffstein gemeißelten Schlangen der Kapitelle wären leibhaftig hinab gestiegen und kröchen über den Boden. Gelbliches Öllicht sickerte durch die Fenster des Hauptflügels, während das Gotteshaus sich in friedlichem Schlaf befand. Doch nicht jede Zelle war erleuchtet.

Der Dampf der unterdrückten Schreie, der aus Laurents Mund quoll, stieg nach oben,ohne die Holzdecke der Kammer zu erreichen. Der Atem starb vorher einen langsamen Tod und auch Laurent dachte, bald sterben zu müssen.

Das Wissen, dass sein Mitbruder nicht vorhatte, ihn zu töten, verschaffte ihm keine Erleichterung, denn das, was dieser tat, erschien ihm schlimmer als der Tod. Der Leib Bruder Pierres lag wie ein Stein auf ihm und drückte die Luft aus seinen Lungen, jeder Stoß brachte ihm Schmerz. Laurent öffnete die Augen und erblickte die Wolldecke des Lagers, auf dem er bäuchlings lag. Über ihm der dicke Mönch, keuchend und lustvoll schnaufend. Laurent zwang sich, die Tränen zu unterdrücken. Was hatte er eigentlich erwartet? Nun bereute er die Einfältigkeit, mit der er auf den Handel eingegangen war. Doch das ihm angebotene Buch über Alchemie, genauer gesagt, über das Opus Magnum, war lohnenswert und nur Bruder Pierre als Leiter der Bibliothek durfte es aus einem der Schränke hervorziehen. Es stand ungenutzt und verlassen zwischen all den anderen Kostbarkeiten aus Pergament und Papier, die dort vor sich hin moderten, bedeckt mit Staub und Mäusedreck.".

 

 

 

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